Orxhäuser Kirche

Eine weitere Geschichtsstunde...

 

Orxhausen
Blitzschlag in die Kapelle - Ruf zur Besinnung

Im Tal zwischen Bad Gandersheim und Kreiensen windet sich in vielen Schleifen der kleine Fluß der Gande und bahnt sich seinen Weg zur Leine. Kurz vor einem Bogen von mehr als 90 Grad liegt das Dorf Orxhausen. Ein bewaldeter Höhenzug schiebt sich vor das Leinetal und läßt nur einen schmalen Durchlaß, der dazu benutzt wurde, hier schon sehr früh eine Straßenverbindung, die heutige Bundesstraße 64 und im Jahre 1856 die Eisenbahnlinie zwischen Kreiensen und Gandersheim hier zu führen.
Ursprünglich zusammen mit Kreiensen, Filiale von Greene, wurde Orxhausen vom Amt Gandersheim verwaltet. Das Corpus bonorum erwähnt 1748 ; Orxhausen  " hat eine eigene und sehr alte Capelle, aber kein Schulhauß. Die sämtlichen Einwohner müßen nach Greene zur Kirche kommen, ihre Kinder daselbst taufen, confimiren, sich copuliren, die Frauen einsegnen, das heil Abendmahl reichen und die Totden begraben laßen. Die Capelle ist auf fürstl. Consistoriiverwilligung repariret, und hat gekostet, wie in der Capellen Register de Anno 1751 befindlich ist. Von den Gerechtigkeiten der Capelle " heißt es : " Es wird in derselben von dem Schulmeister zu Kreyensen alle um den dritten Sonntag Kinder-Lehre und des Mittwochs Beth-Stunde gehalten...".
Patron des Kapellengebäudes ist der jeweilige regierende Landsherr. Die Kapelle wird mit 34 Fuß Länge und 29 Fuß Breite angegeben. Die Dachdeckung besteht aus Sollinger Steinen. Das Hochwasser der Gande hat den Bewohnern häufig zu schaffen gemacht. Besonders starke Flutschäden waren 1761 zu beseitigen. Doch konnte auch bei Regenfällen das Waser leicht in den Innenraum eindringen, da der Fußboden tiefer als das umgebene Terrain lag. Die Folge war, daß die Holzteile an Bänken, die Dielen darunter und die Treppen faulten. Aber auch das Mauerwerk muß nicht in guten Zustand gewesen sein, da es 1778 in einem Brief heißt, " daß die Vögel darin nißten" . Sieben Jahre später wird die Kapelle von den Visitatoren als unbrauchbar und weitere vier Jahre später als durch Fäulnis vom Einsturz bedroht geschildert. Erst 1815 erfolgte die Genehmigung der Kostenanschläge und die Bewilligung der erforderlichen Mittel.
Die Erneuerungsarbeiten müssen noch nicht lange abgeschlossen gewesen sein, als am 14.Juni 1818 ein trauriges Ereignis eintrat und die Kapelle durch einen Blitzschlag zerstört wurde. Die Gemeinde war tief betroffen, als sie zusehen mußte, wie ihr Gotteshaus bis auf die Umfassungsmauern abbrannte.
Im Zusammenhang mit der Bitte um den Wideraufbau wird geschrieben : " Längst hat die Wiederherstellung des Gebäudes unsere Sorge gehabt und schon früher hätten wir dem F. Consistorio nicht nur diese Anzeige gemacht, sondern auch die zur Wiederherstellung der Capelle nothwendige Veranschlagung des Baues nebst Riß dazu und Kostenbetrag eingesandt, hätten es die Kirchenvisitatoren nicht so unendlich schwer, für Kirchenbauten die nötige Unterstützung in den angestellten Cammerbaumeistern zu finden. Die Einrede dieser Herren geht immer darau hinaus, daß sie , da sie mit Cammerbauten so sehr belastet wären, für Kirchenbauten die nötige Zeit nicht zu finden wüßten. Wir haben daher einen hiesigen, geschickten Handwerksmann, den Zimmermeister Schumann, welcher alle öffentliche Arbeiten besorgt, in Anspruch nehmen und beygelegenden Riß und Kostenanschlag zur Wiederherstellung der Capelle von demselben anfertigenlaßen müßen, jedoch können wir beides nur in simplo vorlegen und bemerken dabei, daß, da die Capelle nach ihrer früheren Anlage eine sehr widrige und geschmacklose Form hatte, wir beim Neubau derselben, soweit es möglich ist, wir eine soweit geschmackvollere Form und Einrichtung zu geben wünschen, als es die noch vorhandenen Umfangsmauern zuläßt" Unter anderem soll der Fußboden wegen der Hochwassergefahr angehoben werden. 1820 wird nicht die Planung des Zimmermeisters Schumann, sondern die des Kammer-Baukondukteurs Roebber genehmigt. Die Finanzierung erfolgt teilweise aus " Leihhauskapitalien". Am 06.Februar 1822 wird der Bau endgültig abgenommen. Die erhalten gebliebene Bauzeichnung von Roebber stellt ein wichtiges Dokument dar, um sich den früheren Innenraum der Kapelle vorstellen zu können, denn vor den Veränderungen im Jahr 1965 sind Bestandspläne nicht angefertigt worden. Wir erkennen einen breiten Mittelgang, den die im westlichen Giebel angelegte Eingangstür erschließt. Eine in der Südwestecke eingezeichnete Treppe führt zur kleinen Westempore, auf der vermutlich ein Harmonium oder eine Orgel gestanden hat. Rechtwinklich zum Kastengestühl des Kapellenschiffs sind auf jeder Seite des Altars zwei Bankreihen mit geschlossener Brüstung dargestellt. Der Altartisch steht auf einer Stufe, losgelöst von der Ostwand, die durch eine Nische oder ein Fenster gegliedert ist. Eine Kanzel ist nicht eingezeichnet. In den Schnitten und Ansichten erkennt man einen kräftigen Dachreiter über quadratischem Grundriß mit Zeltdach, der wegen Baufälligkeit 1914 abgetragen werden mußte. Damals enstand der heutige, achtseitige Dachreiter mit gedrungener Zwiebelhaube.
Zum Gedenken an den Brandtag wurde in den ersten Jahren danach ein Bußgottesdienst gefeiert. Doch die Erinnerung an die Zerstörung der Kapelle verwischte allmählich, und die Orxhäuser entschlossen sich eines Tages unter der Thie-Eiche, so wird berichtet, den Gottesdienst auf den nahen Hagelfeiertag zu verlegen. Bald darauf soll sich der Himmel verfinstert haben und ein Gewitter aufgezogen sein. Kaum seien die Menschen nach Hause geeilt, soll mit einem krachenden Donnerschlag die Thie-Eiche vom Blitz getroffen worden sein. " Gott will den Bußtag behalten", so war die Erkenntnis. Man feierte fortan bis zum 2. Weltkrieg den Gedenktag am 14. Juni eines jeden Jahres.
Schon acht Jahre nach der Wiederherstellung der Kapelle werden Schäden am Mauerwerk gemeldet, die mit der starken Feuchtigkeitsbelastung der alten Umfassungswände zusammenhängen. Maurermeister Prahmann aus Gandersheim, dessen Name bereits bei einem Kostenanschlag im Jahre 1779 zu finden ist, empfielt folgendes interessante Rezept gegen Mauerschwamm: " Es wurde damals jener kranke Theil der Mauer von dem schwammigen oder salpetrigen Kalke gänzlich befreiet, der Capelle Zugluft und der Mauer wolle etwa nöthige Zeit zum Austrocknen gegeben. Zuletzt müßte nun wohl die Widerherstellung geschehen. Der H. Prahmann denkt die Neigung zum Schwammig werde durch Ziegelmehl, Hammerschlag, Kohlenstaub und Ochsen-blut zu vertreiben ".
Mit der Beseitigung der Schäden werden gleichzeitig Änderungen bei der Einrichtung im Chorraum gewünscht, damit die Kinder bei der Katechismuslehre besser Platz finden.
Die Orxhäuser Kapelle gehört zu den wenigen gottesdienstlichen Gebäuden, an denen im Dritten Reich in den Jahren 1937/38 größere Renovierungsmaßnahmen durchgeführt werden konnten. das Fenster über dem Altar wurde zugemauert, jedoch unter Beibehaltung einer Nische. Innen setzte man eine halbsteindicke Backsteinmauer als Schutz vor der immer wieder durchschlagenden Feuchtigkeit gegen das Bruchsteinmauerwerk.
Die letzte große Instandsetzung ist in den Jahren 1964-1965 vorgenommer worden. Anlaß waren wiederum schwere Feuchtigkeitsschäden an Fußboden und Wänden sowie Holzschädlingsbefall am Dachgebälk. Man dachte sogar an einen Abbruch und einen Neubau der Kapelle. Schließlich entschied man sich für die Renovierung, die räumliche Veränderungen mit sich brachte. Die Westempore wurde aufgegeben, ein isolierter Fußboden hergestellt und eine Kassettendecke eingezogen. Als " optischer " Schutz gegen die immer wiederkehrende Mauerfeuchtigkeit verkleidete man die Wände mit Holzelementen. der Chorraum wurde mit einem neuen Altar und einer neuen Taufe aus Thüster Kalkstein ausgestattet. Das Kruzifix entwarf die Bildhauerin Krämer-Tschäbitz. Ein Orgelpositiv mit drei Registern fand südlich des Altars seinen Platz. Schließlich mußten auch neue Bänke beschafft werden.
Der schlichte Baukörper mit den hellverschlämmten Wänden, den sandsteineingefaßten Fensteröffnungen und dem abgewalmten Dach ordnet sich unauffälig in die Bebauung an der Dorfstraße ein. Nur der Dachreiter und seine vergoldete Turmspitze, eine Wetterfahne mit springendem Pferd, Kreuz und Sterne darüber, ragen über die Dächer der übrigen Gebäude hinweg.
Seit dem 01. April 1935 gehört die etwa 194 Glieder zählende Gemeinde als Filiale zu Kreiensen. Sie hat einen eigenen Kirchenvorstand und trifft sich vierzehntägig zum Gottesdienst in der Kapelle
Am 02. Mai 2004 erhielt die Orxhäuser Kapelle im Rahmen eines Festgottesdienstes offiziell ihren Namen " Christuskapelle ".
Im Festgottesdienst, gehalten vom Pastor Kuchmetzki-Ludwig, wurde die eigens für diesen Anlass vom Kreiensener Holzschnitzer Dirk Bockler angefertigte Christusfigur enthüllt.

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